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REFLEXION

Bin ich hier eigentlich richtig? Zwei Firmenjubiläen, die bleiben

Sven Sauer

Sven Sauer

23. Juni 2026

Bin ich hier eigentlich richtig? Zwei Firmenjubiläen, die bleiben 1

Hundert Jahre Versicherung, fünfundsechzig Jahre Papier. Und die Frage, was so ein Datum eigentlich sein kann — wenn man es nicht nur abfeiert.

Stell dir eine Bürgermeisterin vor. Kleiner Ort, irgendwo im Ländle. Auf dem Schreibtisch eine Einladung: hundert Jahre BGV. Sie überfliegt die Rednerliste, sieht die Namen, die man bei so etwas sieht, und denkt sich das, was man bei so etwas denkt. Wieder so ein Vormittag. Grußwort, Sektempfang, Händeschütteln. Kennt sie. Macht sie oft.

Dann steht sie da. Und statt in einen Saal geht sie in einen Tunnel. Fünfundzwanzig Meter, Dekade für Dekade, rückwärts. Bilder, Töne, das Rauschen der Zeit. Am Ende: 1923. Grammophon, Schellack, Kellnerinnen mit Häubchen, ein Schuhputzer, ein Frühstück wie aus einem anderen Jahrhundert. Und der erste Gedanke ist nicht „schön gemacht". Der erste Gedanke ist: Bin ich hier eigentlich richtig?

Genau da fängt es an.

Hundert Jahre BGV Versicherung

Der BGV ist ein kommunal verankerter Versicherer. Das heißt, an so einem Tag sitzen nicht Vorstände unter sich, sondern die Region: Feuerwehrleute, Landräte, Bürgermeisterinnen und Bürgermeister. Menschen, die formelle Veranstaltungen aus dem Effeff kennen. Eines war vorher klar: Es wird Reden geben. Amtsträger reden. So ist das.

Also haben wir die Reden nicht abgeschafft. Wir haben sie aufgebrochen.

Im Atrium des Headquarters standen Satellitenbühnen. Zwischen den Reden, immer wieder, Musik — von Künstlerinnen und Künstlern der Musikhochschule Karlsruhe, die sich durch hundert Jahre gespielt haben. Zwanziger-Sound. Dann das, was in die jeweilige Epoche passte. Der Clou war eine Kleinigkeit: Die Gäste mussten sich auf ihren Drehstühlen drehen, hin zur Musik, mal hierhin, mal dorthin. Wer sich dreht, sitzt nicht mehr nur ab. Wer sich dreht, ist dabei.

Der Höhepunkt am Ende war dann keine Rede. Es war ein Song. Eigens für den BGV produziert, elektronisch, gemeinsam mit Martin Hübner. Live uraufgeführt — Hübner hat ihn vor Ort in seine Einzelteile zerlegt und neu zusammengesetzt, dazu eine elektronische Violine. Eine Version, die es so kein zweites Mal gibt. 1923 rein. In die Zukunft raus.

Danach gab es Mittagessen. Ein Jubiläum mit so viel Lokalpolitik ist kein Abend. Es ist ein ganzer Tag — Frühstück, Akt, Tisch.

Was geblieben ist: Es wird bis heute davon erzählt. Ein Versicherer, der nach vorn denkt und seine Herkunft nicht vergisst — das war nicht nur ein Eventkonzept. Das ist das Selbstbild des BGV, und sein Auftrag: die Region tragen. Der Tag hat das nicht behauptet. Er hat es spürbar gemacht. Und die Zusammenarbeit mit der Musikhochschule, die es schon vorher gab, hat sich über dieses Projekt noch weiter vertieft.

Fünfundsechzig Jahre Jass

Anderer Anlass, anderes Haus. Die Papierfabrik Adolf Jass, fünfundsechzig Jahre, Familienunternehmen. Und diesmal keine Honoratioren. Keine externen Gäste. Nur die eigenen Leute und ihre Begleitung. Ein Jubiläum, das nach innen wirken sollte, nicht nach außen.

Zwei Teile. Der erste: ein Theaterstück.

Das klingt nach einer halben Stunde Aufwand. Es waren anderthalb Jahre. Ich habe in dieser Zeit mit dem Regisseur Andreas Roos an diesem Stück gearbeitet, und „arbeiten" ist hier wörtlich gemeint. Er hat Bücher gelesen, Familienchroniken, hat mit Familienmitgliedern gesprochen, Erinnerungen herausgekitzelt, geschrieben, zurückgespielt, die Familie hat korrigiert, wieder von vorn. Bis es saß. Bis aus dem realen Leben von Adolf Jass eine Geschichte wurde, die man erzählen kann — gespielt im Heute, die Szenerie aber eine Fuldaer Bierkneipe, die es schon in den Fünfzigern gab — kurzweilig, komisch, echt. Witwe, Töchter, Enkel haben mitgewirkt. Es war ihre Geschichte. Wir haben sie nur erzählbar gemacht.

Der zweite Teil ging nach vorn. Urbanatix — das Ensemble urbaner Bewegungskünste aus dem Ruhrgebiet: Parkour, Breakdance, Cyr-Rad, Akrobatik. Auf einer großen LED-Wand liefen Detailaufnahmen aus der Papierherstellung, grafisch überzeichnet, dazu Musik, die die Tänzer selbst ausgesucht haben. Und das Jass-Papier war mittendrin: Schuhe kamen aus Kartons, Parcours-Elemente steckten in Jass-Papier und wurden ausgepackt, das Branding dezent auf der Kleidung. Es sah aus, als tanzten die Mitarbeiter mit ihren eigenen Maschinen.

Vergangenheit und Gegenwart im selben Saal. Das Format haben wir zweimal identisch produziert — einmal in Fulda, einmal in Rudolstadt-Schwarza —, damit kein Werk das Gefühl bekommt, das andere sei das wichtigere.

Was geblieben ist, höre ich von der Personalverantwortlichen, mit der wir bis heute im Austausch sind: Das, wofür dieses Familienunternehmen steht — sich um die eigenen Leute kümmern, ein guter Ort zum Arbeiten sein, gemeinsam weitergehen —, hat sich an diesem Abend nicht nur gezeigt. Es hat sich gefestigt. Über die liebevollen Details. Über das Gefühl, gemeint zu sein.

Was man im Ablaufplan nicht sieht

In der Branche wird gerade viel darüber geredet, dass Jubiläen mehr sein können als eine Feier um des Feierns willen. Rückblick und Aufbruch zugleich. Next Chapter und so. Da ist viel dran. Aber eine These baut keinen Tunnel und schreibt kein Theaterstück. Das tut die Arbeit dahinter.

Damit das hier nicht zu glatt wird — beide Beispiele sind Stammkunden. Leute, die wussten, wie wir arbeiten, und die sich deshalb eingelassen haben — auf den Tunnel, auf die Drehstühle, auf anderthalb Jahre Theaterarbeit. Das ist nicht der Normalfall. Die meisten Jubiläums-Anfragen, die bei uns landen, kommen mit einer noch überschaubaren Vorstellung davon, was geht. Verständlich. Man kennt nur, was man kennt.

Das Schwierige an so einem Tag ist nie die Idee. Es ist das Vertrauen, sie zuzulassen.

Und der Unterschied, den am Ende keiner sieht, ist genau der, den man nicht sehen soll: die anderthalb Jahre hinter zwanzig kurzweiligen Minuten. Die Auseinandersetzung mit einer Geschichte, bis man sie verstanden hat. Das ist der Moment, in dem aus „Veranstaltung" etwas wird, das man dreißig Jahre später noch erzählt. Nicht der Sektempfang. Die Substanz darunter.

Ein Jubiläum ist kein Schlusspunkt. Es ist ein Doppelpunkt.

Wenn bei dir in den nächsten Jahren eine runde Zahl ansteht — komm mit dem Datum. Die Vorstellungskraft bringen wir mit.

Über den Autor

Sven Sauer

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Strukturen, Prozesse, Klarheit. Der Kopf, auf den sich alle verlassen können.

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