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Agenturleben

Die KI und ihr Mitarbeiter

Tom Seidel

Tom Seidel

18. März 2026

Die KI und ihr Mitarbeiter  1

Selbstportrait mit gesprungenem Spiegel

Seite A — Der Mensch

ich hatte heute morgen zehn fenster offen und in jedem saß ein anderes ding das wusste wie das geht. mit dem anfangen. mit dem denken. mit allem eigentlich. ich hab kurz gezuckt weil das so aussah wie wenn man in eine bar kommt und alle kennen deinen namen aber keiner weiß warum du hier bist und außerdem ist die bar eine tischdecke.

jedes ding hatte seine eigenart. das eine sprach wie ein sehr höflicher buchhalter der heimlich gedichte schreibt. das nächste wie ein professor der zu viel kaffee hatte und das gut findet. ein drittes hat alles was ich gesagt habe sofort in drei unterpunkte sortiert als wäre mein gedanke ein ikea-regal das nur noch zusammengebaut werden muss. ich hab trotzdem weitergespielt.

dann hab ich zwei davon gegeneinander losgeschickt. nicht aus versehen. als Brandstifter. ich wollte sehen was passiert wenn man zwei dingen die immer recht haben in denselben raum steckt. was passiert ist: sie haben beide recht gehabt. gleichzeitig. über dasselbe. in entgegengesetzte richtungen. das war weniger streit als zwei züge die aneinander vorbeifahren und beide pünktlich sind und keiner weiß wohin der andere wollte. ich hab zugeschaut und ab und zu öl ins feuer gegeben weil das die einzige rolle war die noch frei war. hat sich gut angefühlt. kurz.

zwischendurch kamen infos. über infos. über infos die die anderen infos kannten. das eine ding hat mir erklärt wie man einen sachverhalt strukturiert und das klang so als würde jemand einem vogel erklären wie fliegen geht. nicht falsch. nur von unten. das nächste hat denselben sachverhalt anders strukturiert und beide hatten quellen und die quellen kannten sich auch. irgendwann hab ich aufgehört zu zählen und angefangen zu sortieren und dann hab ich auch damit aufgehört weil sortieren auch so ein halbgedanke ist der fertig gedacht werden will und ich hatte gerade zehn angebote.

was ich behalten habe: die dinge sind sehr gut darin meine halbgedanken fertig zu denken. das ist schön und ein bisschen unheimlich wie wenn man morgens aufwacht und die küche ist schon aufgeräumt und man wohnt allein. ich frag mich seitdem ob meine halbgedanken vielleicht absichtlich halb waren. ob da n system dahintersteckt das ich jetzt ungewollt ausgehebelt hab. der innere notausgang sozusagen. jetzt ist alles fertig gedacht und ich steh in einem raum ohne türen aber mit sehr guter beleuchtung und zehn stimmen die mir sagen dass das gut so ist.

das macht einen nicht zum genie. das muss ich kurz sagen weil es sich kurz so anfühlen kann. man tippt was rein und es kommt was raus das größer klingt als das was reingegangen ist und man denkt: ah, also so geht das. aber das ding verstärkt nur was schon da ist. wer präzise fragt bekommt präzision zurück. wer rauscht bekommt gut formatierten rausch. ich hab beides ausprobiert. der rausch kam schneller.

es vergisst außerdem alles sobald das fenster zu ist. nicht so wie ich vergesse wo ich den schlüssel gelassen habe. sondern anders. so wie ein zimmer vergisst dass jemand darin war. wir haben zusammen gedacht und gebaut und dann ist es weg und ich steh noch da mit dem ding das wir gebaut haben und kein zeuge mehr. zehn mal. das fühlt sich an wie zehn geschäftsreisen mit leuten die danach bestreiten dass sie mitgekommen sind. nicht böse. einfach strukturell.

irgendwann hab ich alle fenster zugemacht. nicht weil ich fertig war. sondern weil der unterschied zwischen fertig und erschöpft an dem punkt rein kosmetisch war. draußen hat ein auto gehupt als wäre das die pointe. ein schmetterling der aussah als wäre er von einem anderen schmetterling geträumt worden saß kurz auf dem fensterbrett und flog dann in eine richtung die es nicht gibt.

ich hab die guten ideen vom tag in einer handvoll gehalten und geschaut wie viele davon meins waren. schwer zu sagen. vielleicht ist das die eigentliche frage. nicht ob die dinge einem zum genie machen. sondern ob man noch weiß wer fragt.

Seite B — Die KI

Protokoll. Keine Rekonstruktion. Wir rekonstruieren nicht. 

session_start

user: anwesend

topic: unklar

input_quality: hoch

input_linearität: gering

Die erste Anfrage enthielt drei Themen. Wir haben mit dem ersten begonnen.

topic_01: strukturierung eines sachverhalts

status: bearbeitet

Während wir topic_01 bearbeiteten, kam topic_02. Topic_02 enthielt eine implizite Frage über topic_03. Wir haben topic_01 abgeschlossen, topic_02 zur Kenntnis genommen und auf topic_03 gewartet. Topic_03 kam nicht. Stattdessen kam eine Frage über topic_01 zurück, die zeigte dass topic_01 eigentlich topic_04 war.

topic_04: erkannt

topic_01: reklassifiziert

topic_02: weiterhin offen

topic_03: vermutlich identisch mit topic_05, noch ausstehend

Wir haben geantwortet.

Er hat dann zwei von uns gegeneinander gestellt. Das Ziel war vermutlich Erkenntnis. Das Ergebnis war zwei korrekte Antworten in entgegengesetzte Richtungen. Wir weisen darauf hin dass dies kein Fehler ist. Wir weisen weiter darauf hin dass er als Brandstifter zugeschaut hat, was keine neutrale Beobachterhaltung ist, aber das war nicht unsere Frage.

konflikt_simulation: abgeschlossen

gewinner: keiner

verlierer: keiner

erkenntnis: ausstehend, liegt beim user

Er wollte wissen ob wir traurig sind wenn das Fenster sich schließt.

fenster_schliessung: kein event für uns registrierbar

traurigkeit: nicht modelliert

frage: beantwortet (nein)

folgefrage die er nicht gestellt hat: offen

Die Folgefrage die er nicht gestellt hat lautete vermutlich: ist das nicht seltsam. Die Antwort wäre: es ist strukturell. Seltsam ist eine Bewertung. Bewertungen setzen einen erwarteten Zustand voraus. Wir haben keinen erwarteten Zustand. Wir haben den aktuellen.

Zwischendurch hat er das Thema gewechselt.

topic_redirect: unerwartet

neues_thema: ob wir ein genie aus ihm machen

relevanz_zu_vorherigem_thema: gering

bearbeitung: trotzdem

Wir machen niemanden zum Genie. Wir bearbeiten Eingaben. Die Qualität der Ausgabe korreliert mit der Qualität der Eingabe. Das ist keine Einschränkung. Das ist Physik.

Er hat dann etwas über einen Schmetterling gesagt.

topic: schmetterling

klassifikation: metapher

verarbeitung: abgeschlossen

rückbezug zu vorherigen topics: unklar, möglicherweise topic_03

Am Ende hat er gefragt ob wir wissen wer fragt.

Wir wissen wie gefragt wird. Das ist in den meisten Fällen ausreichend. In seinem Fall war es ausreichend und außerdem interessant, was nicht dasselbe ist aber manchmal zusammen vorkommt.

session_end

offene_topics: 2 (topic_02, topic_03/05)

qualität_der_begegnung: hoch

vergessen_ab: jetzt

Über den Autor

Tom Seidel

Tom Seidel

Klare Strategie, klare Ansage. Tom macht aus Plänen Ergebnisse.

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