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Agenturleben

Warschau, 1988. Und 2026.

Sven Sauer

Sven Sauer

10. Juni 2026

Warschau, 1988. Und 2026. 1

Wer Warschau heute besucht, erlebt drei Jahrzehnte Transformation auf einem einzigen Block: Stalinismus, Cambridge Innovation Center, Google Campus und Wilhelm Sasnal an der Hauswand.

Ich war fünfzehn, als ich zum ersten Mal in Polen war. Schülerarbeitseinsatz, 1988 — irgendwo im ländlichen Raum bei Szczecin. Man schickte uns damals zu sozialistischen Bruderstaaten, um anzupacken und um, wie es hieß, Völkerfreundschaft zu leben. Die Polen, die ich dort traf, waren normal. Jungs wie wir. Kein Theater, kein Abstand. Irgendwie einfach Menschen. Ich komme aus der Nähe von Erfurt. DDR also. Das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein, hatte ich trotzdem nicht. Eher das Gefühl, in einer sehr ähnlichen zu sein — was vielleicht das Beunruhigendere war.

Ein Jahr später fiel die Mauer.

Was Städte behalten

Ich bin jetzt wieder in Polen. In Warschau. Nicht für einen Arbeitseinsatz — für eine Begehung. Wir planen ein Event, 120 Personen, drei Tage, September. Der Anlass ist professionell. Die Wahrnehmung ist es nicht ganz.

Der Pałac Kultury i Nauki steht noch. Er wird immer stehen. Stalins „Geschenk" an die polnische Hauptstadt, ungefragt, ungewollt, unübersehbar. Ein Monument, das heute Theater, Hochschule, Ausstellungsraum ist. Die Polen haben ihn nicht abgerissen. Sie haben ihn umgedeutet. Das ist klüger.

Keine fünfhundert Meter weiter sitzt das Cambridge Innovation Center — ein ernsthafter Hub, der Gründer, Kapital und Netzwerke zusammenbringt. Und dann ist da noch etwas, das ich vor meinem Besuch nicht auf dem Schirm hatte: In Warschau, im Stadtteil Praga, betreibt Google einen seiner wenigen physischen Startup-Campuses weltweit. Als er eröffnete, war er der fünfte seiner Art — und der erste in ganz Mittel- und Osteuropa. Untergebracht in einer umgebauten Wodkafabrik aus dem 19. Jahrhundert. Eine ehemalige Produktionsstätte als Heimat für Gründer, die Google-Mentoring, Trainings und eine CEE-weite Community suchen. Man muss das kurz sacken lassen.

Das ist kein Zufall und kein Stadtmarketing. Das ist eine Entscheidung — und eine, die zeigt, wohin diese Stadt will.

Wilhelms Silhouetten

Irgendwo zwischen den Glasfassaden und dem Pałac habe ich ein Gebäude gefunden, auf dessen Wand Wilhelm Sasnal gemalt hat. Sasnal ist Polens wichtigster Gegenwartskünstler. Riesige schwarze Silhouetten, fast brutal in ihrer Einfachheit, dramatisch im Gegenlicht. Eine Stadt, die ihrem bedeutendsten Künstler erlaubt, ihre Hauswände zu benutzen, hat keine Angst mehr vor sich selbst.

Das ist es vielleicht, was mich an Warschau aufgewühlt hat. Nicht die Architektur als solche. Nicht der Kontrast zwischen alt und neu — den gibt es überall. Sondern diese spezifische Haltung: Wir wissen, wo wir herkommen. Wir verstecken es nicht. Und wir bauen trotzdem.

Was damals und heute verbindet

Der Fünfzehnjährige von 1988 hätte das nicht für möglich gehalten. Der kannte Polen als Bruderland — und als Ort, an dem Jungs bei aller Ideologie einfach Jungs waren. Der hätte nicht gedacht, dass das Land, das wir damals besuchten, irgendwann das Land ist, das Google sich aussucht — und nicht umgekehrt. Dass in einer alten Warschauer Fabrikhalle Google-Mentoren sitzen.

Jetzt stehe ich vor dem Sofitel Warsaw Victoria und bespreche Zimmerkontingente, Catering-Budgets, Abendprogramme. Ich bin Eventmensch. Das ist mein Beruf, das ist mein Blick auf Städte — was geht hier, was gibt diese Stadt her, wie fühlt es sich an, wenn man Menschen an diesen Ort bringt.

Warschau gibt viel her. Weil diese Stadt ihre Geschichte nicht als Hindernis behandelt — sondern als Material.

1988 war Polen Pflicht. 2026 ist Warschau eine Wahl. Und eine gute.

(Artikel-Cover-Foto Skyline © NiseriN über canva.com)

Über den Autor

Sven Sauer

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Strukturen, Prozesse, Klarheit. Der Kopf, auf den sich alle verlassen können.

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